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Bob Rutman und das Steel Cello Ensemble: Experimentelle Musik zwischen Skulptur und Klang

· Kersten Ginsberg
Bob Rutman und das Steel Cello Ensemble: Experimentelle Musik zwischen Skulptur und Klang

Wenige Künstler haben die Grenzen zwischen Klangkunst und bildender Kunst so konsequent aufgehoben wie Robert „Bob" Rutman. Mit selbstgebauten Instrumenten aus Stahlblech, die er mit dem Cello- oder Kontrabassbogen strich, erzeugte er Klangwelten, die sich keiner bestehenden Kategorie fügen. Das Steel Cello Ensemble, das er Mitte der 1970er-Jahre gründete, steht bis heute als einzigartiges Beispiel für eine Musik, die zugleich Performance, Skulptur und Konzert ist.

Zwischen den Welten: Wer war Bob Rutman?

Robert Rutman wurde 1931 in Berlin geboren. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, floh er mit seiner Mutter — einer jüdischen Schauspielerin — zunächst nach Warschau, dann nach Finnland. Nach dem Krieg verschlug es ihn nach New York, später nach Dallas und Mexiko-Stadt, wo er an einer Kunstschule studierte. Jahrzehnte verbrachte er in den USA, bevor er 1989 in seine Geburtsstadt Berlin zurückkehrte. Dort lebte und arbeitete er bis zu seinem Tod im Juni 2021.

Diese Biografie — zwischen Kontinenten, Kulturen und Kunstformen — spiegelt sich in seinem Werk unmittelbar wider. Rutman war Maler, Bildhauer, Komponist und Performer. Keines dieser Felder ließ er isoliert; jedes durchdrang das andere.

Die Instrumente: Stahl als Klangkörper

Das Herzstück von Rutmans Arbeit sind Instrumente, die er selbst konstruierte: das Steel Cello und die Bow Chimes. Beide bestehen aus großen, biegsamen Stahlplatten, an denen Stahlsaiten oder frei schwingende Metallstäbe befestigt sind. Gespielt werden sie mit einem Streicherbogen — die Töne, die entstehen, liegen irgendwo zwischen drone, industriellem Rauschen und meditativer Schwingung.

Rutman selbst bezeichnete die Instrumente als „amerikanische Volksmusik-Instrumente der Industrie". Diese Beschreibung trifft den Kern: Die Klänge sind rau, unmittelbar und körperlich — und dennoch von einer eigentümlichen Schönheit. Wer ein Konzert des Steel Cello Ensembles erlebt hat, beschreibt die Wirkung oft als physisch spürbar, fast wie eine Massage durch den Raum.

Mehr zur Gattung der Klangkunst — der intermedialen Verbindung von Bildender Kunst und Musik — findet sich auf der deutschen Wikipedia.

Das Steel Cello Ensemble: Konzept und Besetzung

1975 gründete Rutman in Cambridge, Massachusetts, das U.S. Steel Cello Ensemble. Die Besetzung war flexibel — manchmal spielte er allein, oft mit einem kleinen Ensemble aus weiteren Performern. In Berlin entstanden neue Zusammenarbeiten; das Ensemble trat unter anderem in der Volksbühne Berlin auf, einem der wichtigsten Spielorte für experimentelle und performative Kunst in Deutschland.

Die Aufführungen verbinden konsequent akustische und visuelle Elemente. Die Instrumente selbst sind Skulpturen — der Aufbau auf der Bühne ist Teil des Kunstwerks. Licht, Raum und die körperliche Präsenz der Spieler verschmelzen zu einem Gesamterlebnis. Damit bewegt sich das Steel Cello Ensemble in einem Spannungsfeld, das heute oft unter dem Begriff Klangkunst diskutiert wird — einer Kunstform, bei der Klang, Objekt und Raum untrennbar zusammengehören.

Kollaborationen und internationale Präsenz

Rutmans Reichweite war bemerkenswert. In den 1980er-Jahren arbeitete er mit Laurie Anderson zusammen, bei Robert Wilsons Inszenierung von Alcestis am American Repertory Theatre. 1980 spielte das Steel Cello Ensemble für Peter Sellars' Harvard-Produktion von King Lear. 1986 trat Rutman im Palais des Beaux-Arts in Brüssel auf — ein Auftritt, der die Tür zu jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit europäischen Institutionen öffnete.

Diese Verbindungen belegen: Das Ensemble war nie ein Nischenphänomen für Eingeweihte, sondern bewegte sich in den ersten Rängen des internationalen Performancediskurses.

Rutman und die Berliner Szene

Nach seiner Rückkehr nach Berlin wurde Rutman ein fester Bestandteil der dortigen experimentellen Kunstszene. Berlin als Stadt mit seiner dichten Infrastruktur aus Kunsträumen, freien Theatern und Festivals bot den idealen Resonanzraum für Arbeiten wie seine. Zahlreiche Konzerte und Kollaborationen entstanden in dieser Zeit — mit Musikern, Klangkünstlern und Performern aus aller Welt.

Warum das Steel Cello Ensemble für Festivals und besondere Venues geeignet ist

Die Stärke des Steel Cello Ensembles liegt in seiner Flexibilität bei gleichzeitig unverwechselbarem Profil. Das Ensemble funktioniert:

  • In klassischen Konzertsälen — die akustischen Eigenschaften der Instrumente kommen in reflektiven Räumen besonders zur Geltung.
  • In Kunsträumen und Galerien — als skulpturales Environment, bei dem das Aufbauen der Instrumente Teil der Präsentation ist.
  • Auf Festivals für experimentelle und zeitgenössische Musik — etwa beim Avantgarde Festival Schiphorst, das seit Jahrzehnten Bühnen für genau diese Art von Grenzgängen bietet.
  • Als interdisziplinäre Zusammenarbeit — mit Bildenden Künstlern, Tänzern, Filmemachern oder Literaten.

Die technischen Anforderungen sind überschaubar: Die Instrumente bringen die Spieler selbst mit; benötigt werden Bühne, Grundbeleuchtung und — je nach Größe des Raumes — eine einfache Beschallungsanlage oder gar keine.

Vermächtnis und Weiterleben

Bob Rutman starb im Juni 2021 in Berlin, 90 Jahre alt. Sein Werk ist jedoch kein geschlossenes Kapitel. Die Instrumente existieren, das Konzept lebt weiter — in Aufnahmen, in den Köpfen jener, die ihn erlebt haben, und in den Musikerinnen und Musikern, die in seiner Tradition weiterarbeiten. Wer sich mit dem Steel Cello Ensemble beschäftigt, findet eine detaillierte Biografie auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite zu Robert Rutman.

Für Veranstalter, Festivalmacher und Programmverantwortliche, die nach Formaten suchen, die zwischen den Kategorien operieren — die sowohl Publikum als auch Kritik herausfordern — bleibt das Steel Cello Ensemble ein Referenzpunkt. Es ist das Gegenteil von Beliebigkeit: Musik als physisches Ereignis, Instrument als Kunstobjekt, Performance als ganzheitliche Erfahrung.