Digital Concerts und Streaming: Neue Einnahmequellen für Künstler und Veranstalter
Die Pandemiejahre haben eines deutlich gezeigt: Konzerte können auch ohne physisches Publikum stattfinden – und sie können wirtschaftlich funktionieren. Was damals aus der Not geboren wurde, hat sich seitdem als eigenständiges Format etabliert. Digitale Konzerte und hybride Veranstaltungsmodelle sind heute keine Notlösung mehr, sondern strategische Werkzeuge für Künstler, Agenturen und Veranstalter, die ihre Reichweite und Einnahmen ausbauen wollen.
Was sind Digital Concerts und Hybrid-Events?
Grundsätzlich lassen sich zwei Modelle unterscheiden:
Rein digitale Konzerte finden ausschließlich online statt. Kein Publikum vor Ort, die gesamte Aufführung richtet sich an ein weltweites digitales Publikum – gegen Ticketkauf, Spendenmodell oder per Abo.
Hybrid-Events verbinden beides: Ein Teil des Publikums ist live vor Ort, gleichzeitig wird die Veranstaltung in Echtzeit gestreamt. Für Künstler aus dem Bereich Weltmusik, Experimentalmusik oder Folk bedeutet das konkret: Das Konzert in einem Kölner Club kann gleichzeitig Zuhörer in Tokio, Stockholm oder São Paulo erreichen.
Der Unterschied liegt nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich im Detail.
Einnahmemodelle im Überblick
Pay-per-View
Das direkteste Modell. Zuschauer kaufen ein Ticket für ein einzelnes Konzert, ähnlich wie bei einem regulären Live-Event. Plattformen wie Veeps oder StageIt sind darauf spezialisiert: StageIt etwa erlaubt es Künstlern, Ticketpreise selbst festzulegen und behalten 80 % der Einnahmen. Veeps arbeitet mit Produktionsprofis zusammen und eignet sich eher für größere Acts mit entsprechendem Produktionsbudget.
Subscription-Modelle und Plattformabos
Einige Plattformen bieten monatliche Abonnements an, über die Nutzer Zugang zu einem Katalog von Live-Events und Archivaufnahmen erhalten. Für Stammkünstler mit treuer Community kann dies planbare Einnahmen schaffen.
Freiwillige Spenden und „Tip-Jar"-Systeme
Besonders für kleinere und experimentelle Acts interessant: Der Livestream ist kostenlos zugänglich, das Publikum zahlt freiwillig. Plattformen wie Twitch oder auch StageIt integrieren solche Trinkgeld-Funktionen direkt in die Oberfläche. Kombiniert mit Merchandise-Verkauf während des Streams kann das für Nischenkünstler erstaunlich gut funktionieren.
Lizenzierung und Wiederverwendung
Ein gestreamtes Konzert muss nicht nach der Aufführung verschwinden. Archivierte Aufnahmen lassen sich als On-Demand-Content lizenzieren, für Pressezwecke verwenden oder als exklusiver Inhalt an Abonnenten verkaufen. Hier liegt erhebliches Potenzial, das viele Künstler noch nicht ausschöpfen.
Technische Voraussetzungen
Der Unterschied zwischen einem professionellen Streaming-Konzert und einem verpixelten Handy-Livestream liegt im Detail – und ist für Zuschauer sofort spürbar.
Mindestanforderungen für ein glaubwürdiges Setup:
- Stabile Internetverbindung mit mindestens 10–20 Mbit/s Upload (Glasfaser empfohlen)
- Professionelles Audio-Interface und Mikrofone, die für Streaming optimiert sind
- Mindestens eine externe Kamera, besser ein Zwei- oder Drei-Kamera-Setup
- Streaming-Software wie OBS Studio (kostenlos) oder professionelle Encoder
- Raumakustik: Nachhall und Reflexionen sind im Stream deutlich störender als vor Ort
Für Hybrid-Events kommt das deutlich komplexere Thema der Audioverzögerung (Latenz) hinzu: Das Online-Publikum hört den Ton idealerweise synchron zum Bild, während das Vor-Ort-Publikum seine eigene Beschallung hat. Professionelle Livestreaming-Dienstleister, die sich auf den Veranstaltungsbereich spezialisiert haben, nehmen hier viel Druck ab.
Rechtliche Grundlagen: GEMA und Lizenzierung
Wer fremdes Repertoire streamt, kommt an der GEMA nicht vorbei. Die gute Nachricht: Wer auf Plattformen wie YouTube, Facebook oder Twitch streamt, ist über bestehende Rahmenverträge dieser Plattformen mit der GEMA weitgehend abgesichert.
Anders sieht es aus, wenn der Stream über die eigene Website läuft: Dann ist eine separate Lizenzierung notwendig – je nachdem, ob es sich um einen linearen Livestream handelt oder ob die Aufnahme anschließend on-demand verfügbar bleibt, sind sogar zwei unterschiedliche Lizenzen erforderlich. Eine genaue Übersicht liefert Backstage PRO in seiner rechtlichen Analyse zu Livestreams.
Für Eigenkomponisten und Künstler, die ausschließlich eigenes Material spielen und bei der GEMA gemeldet sind, vereinfacht sich die Lage erheblich.
Welche Plattformen eignen sich?
| Plattform | Stärke | Monetarisierung |
|---|---|---|
| Veeps | Hohe Produktionsqualität, global | Pay-per-View, Abo |
| StageIt | Intim, community-nah | Pay-per-View, Tips |
| YouTube Live | Reichweite, bekannt | Werbung, Super Chat |
| Twitch | Gaming-Community, jung | Subs, Bits, Tips |
| Driift | Kuratierte Erlebnisse | Pay-per-View |
Für Weltmusik, Folk und Experimentalklang empfehlen sich Plattformen, die ein qualitätsbewusstes, zahlungsbereites Publikum ansprechen. Veeps und StageIt haben sich hier einen Ruf erarbeitet. Für niedrigschwellige Formate und den Aufbau einer Community sind YouTube Live und Instagram Live sinnvolle Einstiegspunkte.
Was die Zahlen sagen
Die Livemusikbranche in Deutschland generiert laut dem Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) über sechs Milliarden Euro Jahresumsatz mit mehr als 115 Millionen verkauften Tickets. Der Markt ist gesund – und digitale Formate sind keine Bedrohung, sondern eine Erweiterung.
Eine Studie der Universität Hamburg hat zudem gezeigt, dass Musikstreaming die Nachfrage nach Live-Konzerten nicht verdrängt, sondern sie für bestimmte Genres sogar steigern kann. Wer online entdeckt wird, kommt auch in den Saal.
Praktischer Einstieg für Künstler und Veranstalter
Der größte Fehler ist der Versuch, alles auf einmal umzusetzen. Ein sinnvoller Einstieg sieht so aus:
- Erst klein testen – ein einfacher Instagram- oder YouTube-Livestream, um Technik und Reaktion des Publikums zu verstehen
- Community aufbauen – regelmäßige Formate schaffen Erwartungshaltung und Bindung
- Monetarisierung einführen – erst wenn das Publikum da ist, lohnen sich Pay-per-View-Ticketing und Plattformwechsel
- Professionalisieren – mit wachsenden Einnahmen in Audio und Video investieren
Agenturen können hier eine wichtige Vermittlerrolle übernehmen: Sie kennen die Plattformlandschaft, können Künstlern bei der Lizenzierung helfen und das Streaming-Konzert als integralen Bestandteil einer Tourplanung verstehen – nicht als Anhängsel, sondern als eigenständiges Produkt mit eigenem Publikum und eigenem Umsatzpotenzial.
Digital Concerts sind längst kein Experiment mehr. Sie sind eine Bühne – und die ist rund um die Uhr geöffnet.