Konzertbuero Ginsberg

Klangbad Festival: Das kleine Woodstock an der Donau und seine besonderen Künstler

· Kersten Ginsberg
Klangbad Festival: Das kleine Woodstock an der Donau und seine besonderen Künstler

Wer schon einmal durch die sanfte Hügellandschaft Oberschwabens an der oberen Donau gefahren ist, ahnt kaum, dass dieses bäuerliche Idyll regelmäßig zum Treffpunkt der internationalen Avantgarde-Musikszene wird. Im kleinen Städtchen Scheer, keine 2.500 Einwohner, verwandelt sich seit 2004 die alte Papierfabrik am Flussufer in ein Festivalgelände der besonderen Art — rau, ehrlich, unkommerziell, und musikalisch von einer Radikalität, die man in dieser Gegend nicht erwartet.

Das Klangbad Festival ist kein Festival im üblichen Sinne. Keine Sponsorenfahnen, keine Stadtmarketing-Logik, keine Headliner, die man aus dem Radio kennt. Stattdessen: Konzerte auf zwei kleinen Bühnen direkt an der Donau, ein Zeltaufbau mit Sofalandschaft, Kinder auf Decken, und auf der Bühne Musiker aus aller Welt, die sich mit Noise, Free Jazz, experimentellem Folk und elektronischen Klangskulpturen auseinandersetzen.

Der Mann dahinter: Hans Joachim Irmler und die Klangbad-Welt

Das Festival ist untrennbar mit einer Figur verbunden: Hans Joachim Irmler, Mitgründer der legendären Krautrock-Band Faust. Faust gehört zu den prägendsten Bands der deutschen Musikgeschichte — entstanden 1971 in Hamburg, experimentierte die Gruppe von Anfang an mit Zement­mischern, Kettensägen und selbst gebautem Equipment, lange bevor solche Ansätze im Mainstream ankamen.

Irmler, der an der Donau aufgewachsen ist und seiner Heimatregion treu geblieben ist, gründete das Klangbad-Label, über das er seither die Platten von Faust und befreundeten Künstlern veröffentlicht. Aus diesem Label-Kontext heraus entstand das Festival — als Verlängerung einer Haltung, nicht als Geschäftsmodell. Cornelia Paul, seine Partnerin, führt das Klangbad-Projekt gemeinsam mit ihm.

Scheer als Festivalort — warum das funktioniert

Die alte Papierfabrik in Scheer bietet genau das, was klinisch gestalteten Festivalgeländen fehlt: Patina, Geräumigkeit ohne Anonymität, und eine natürliche Bühne durch die Nähe zum Fluss. Das Musikfestival an der Donau profitiert von einer Stimmung, die sich schwer inszenieren lässt — sie entsteht einfach, wenn Menschen an einem lauen Sommerabend auf dem Gras sitzen und Musik hören, die sie nirgendwo sonst erleben würden.

Hinzu kommt die bewusste Entscheidung der Organisatoren gegen kommerzielle Förderung. Das Festival finanziert sich durch Ticketverkäufe, Solidarität und ein Netzwerk von Unterstützern — was ihm eine Programmfreiheit sichert, die größere Festivals schlicht nicht haben.

Genreoffenheit als Prinzip

Wer auf das Klangbad Festival fährt, sollte keine feste Genreerwartung mitbringen. Das ist bewusst so. Über die Jahre teilten sich die Bühnen Acts aus den unterschiedlichsten Welten: elektronische Minimalkonstruktionen treffen auf rohen Gitarren-Noise, free improvised Jazz auf psychedelischen Folk, Drone-Loops auf Kabarett. Die Schnittstellen zwischen diesen Stilen sind der eigentliche Programmraum des Festivals.

Zu den Künstlern, die im Laufe der Jahre in Scheer aufgetreten sind, zählen unter anderem:

  • Cluster — eines der Urgesteine des deutschen Synthesizer-Sounds
  • Moebius — langjähriger Weggefährte von Irmler, bekannt aus Harmonia und Cluster
  • Mekons — britische Post-Punk-Legenden, die Folk und politischen Songwriting verbinden
  • These New Puritans — britisches Ensemble zwischen Avantgarde und Orchestralität

Das sind keine Acts, die auf dem nächsten Stadtfest spielen. Hier versammelt sich ein Publikum, das Musik nicht als Hintergrundrauschen, sondern als konzentriertes Ereignis begreift.

Eine familiäre Atmosphäre, die man spürt

Viele Festivalbesucher beschreiben das Klangbad mit einem Wort: Gemeinschaft. Nicht im aufgesetzten Sinne von Marketingkampagnen, sondern buchstäblich: Man kennt sich, man trifft sich, man sitzt zusammen und spricht über Musik. Für ein Festival dieser Größe ist die internationale Strahlkraft bemerkenswert — Gäste kommen aus ganz Europa, manche von noch weiter.

Die familienfreundliche Ausrichtung — Kinder sind ausdrücklich willkommen — sorgt dafür, dass das Festival keine elitäre Enklave wird, sondern ein offener Raum bleibt, in dem man auch einfach mit einem Bier auf dem Rasen sitzen kann, während auf der Bühne jemand Undefinierbares und Schönes tut.

Das Klangbad im Kontext der deutschen Festivallandschaft

Deutschland hat eine reiche Tradition experimenteller Musikfestivals. Die Donaueschinger Musiktage, keine 80 Kilometer flussaufwärts, gelten seit Jahrzehnten als eine der wichtigsten Institutionen für zeitgenössische Neue Musik. Sie sind akademisch, institutionell gefördert, und entsprechend formell. Das Klangbad ist das genaue Gegenteil — und braucht diesen Vergleich nicht zu scheuen. Beide Formate erfüllen eine Funktion, die der Massenmarkt nicht abdeckt.

Was das Klangbad besonders macht, ist sein Verständnis von Avantgarde nicht als musealer Präsentation, sondern als lebendiger Praxis. Es geht nicht darum, vergangene Experimente zu feiern, sondern aktuelle Suchbewegungen sichtbar zu machen — auf einem Festivalgelände, das selbst ein Experiment im Kleinen ist.

Eine Dokumentation als Zeitdokument

Das internationale Interesse am Festival spiegelt sich auch in einem Filmprojekt wider: Die Dokumentarfilmer Dietmar Post und Lucia Palacios hielten 2005 eine Faust-Performance beim Klangbad im Stil des Direct Cinema fest — das Ergebnis ist unter dem Titel Faust: Live at Klangbad Festival dokumentiert und gibt einen seltenen Einblick in die raue, ungeschönte Energie des Festivals.

Warum das Klangbad für Nischenmusik-Fans unverzichtbar ist

Festivals wie das Klangbad erfüllen eine Rolle, die über Musikkonsum hinausgeht. Sie schaffen Orte, an denen sich eine Szene erkennt, austauscht, und bestätigt bekommt, dass ihre Interessen existenzberechtigt sind. Für Fans experimenteller, folk-naher und avantgardistischer Musik ist das nicht trivial — in einer Medienlandschaft, die Nischenmusik bestenfalls als Kuriosität behandelt, sind solche Versammlungsorte von echter Bedeutung.

Wer das Klangbad einmal besucht hat, versteht, warum es seit über zwei Jahrzehnten besteht — nicht trotz seiner Kleinheit, sondern wegen ihr.